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Wie Romeo mit seiner Reisegeschichte fast 20.000 Euro Spendengeld sammelte

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Nur einen Tag, nachdem ich in diesem Beitrag erklärt habe, wie du mit Hilfe deiner eigenen Reisegeschichte Geld verdienen kannst, veröffentlichte Focus Online einen Artikel über einen 10-jährigen Jungen aus Sizilien, der es mit einer simplen Reisegeschichte in die Medien schaffte und auch noch fast 20.000 Euro Spendengeld einsammeln konnte.

Ich will diese Geschichte, die man inzwischen fast überall nachlesen kann, hier nicht einfach nachbeten. Stattdessen versuche ich die technischen Aspekte zu analysieren. Ich will wissen, wie genau der Junge die sozialen Medien und andere Möglichkeiten genutzt hat, um auf seine Geschichte aufmerksam zu machen und auch wie er das Spendengeld gesammelt hat.

Das Wissen, das ich durch diese Analyse erlange, soll nicht nur mir, sondern jedem, der diesen Beitrag liest, dabei helfen Reisen in Zukunft besser zu planen und zu finanzieren.

Romeos Seifenoper

Bevor das Abenteuer des 10-jährigen Romeo Cox aus Sizilien beginnt, braucht er ein Ziel oder eine Mission. Etwas, das ihn dazu bringt auf Reise zu gehen.

Er hat Sehnsucht nach seiner Oma und möchte sie in London besuchen. Weil wegen der Corona-Pandemie der Flug und Schiffsverkehr eingestellt wurde, beschließt er zu Fuß zu gehen. Stolze 2.800 Kilometer, den größten Teil der Strecke legt er auf einem alten Pilgerweg zurück, der von Rom nach Canterbury führt.

Wie Romeo seine Geschichte plant

Am 13. Juni 2020, 5 Tage vor dem Start seiner Reise, richtet Romeo eine Fanpage auf Facebook ein und nennt sie „Romeos Big Journey“.

Wenig später eröffnet er einen Account auf Instagram, der den gleichen Namen trägt. Dieser Account soll während der Reise als eine Art Tagebuch genutzt werden, in dem Romeo seine Erlebnisse dokumentiert. Weil Instagram ganz einfach mit Facebook verknüpft werden kann, erscheint alles, was er auf Instagram postet auch auf der Facebook-Fanseite.

Seine Mutter betreibt eine gemeinnützige Organisation, die gestrandeten Flüchtlingskindern hilft. Romeo beschließt, diese Organisation durch seine Reise zu unterstützen und startet deshalb eine Spendenkampagne auf Justgiving.com. Die Webadresse der Spendenkampagne kopiert Romeo in seine beiden Social Media-Profile.

Damit sind die Arbeiten für seinen Online-Auftritt erledigt. Alle Dienste, die er nutzt sind kostenlos, er muss kein Geld für Webhosting oder einen Domain-Namen ausgeben.

Um auch in der realen Welt Aufmerksamkeit zu bekommen, wendet er sich, höchstwahrscheinlich mit Hilfe seiner Mutter, an die Tageszeitung Giornale di Sizilia und erzählt den Journalisten von seinen Reiseplänen und auch der Spendenaktion. Am 25. Juni veröffentlicht die Zeitung einen Artikel über den Beginn seiner Reise.

Romeo bastelt sich ein Pappschild, das er an seinem Rucksack befestigt, damit es jeder sehen kann. Auf diesem Schild war der Zweck, die Länge und das Ziel der Reise sofort ersichtlich. Zusätzlich schrieb er diese Informationen auf ein weißes T-Shirt, das er gerne auf seiner Reise trug.

Für den Hauptteil der Stecke wählt Romeo einen alten Pilgerpfad, der von Rom nach Canterbury führt. Auf diesem Pfad gibt es zahlreiche kirchliche Unterkünfte, in denen er kostengünstig übernachten könnte. Für den Fall, dass er keine Unterkunft findet, will er ein Zelt mitnehmen.

Während er seine Reise plant, kommt Romeo der Gedanke, dass es vielleicht Probleme geben könnte, wenn er ganz alleine loszieht. Deshalb weiht er seinen Vater ein.

Der Vater fotografiert nicht nur seinen Sohn auf der Reise, er erledigt auch die Formalitäten an den Landesgrenzen und bucht Unterkünfte, wenn sie benötigt werden. Er verhindert auch, dass die Polizei den Jungen aufgreift und nach Hause zurückbringt, bevor dieser sein Ziel erreicht hat.

Laut Focus Online beginnt Romeo seine Reise am 18. Juni 2020. Hier wurde schlecht recherchiert, der Junge begann an diesem Tag nur mit dem Training für die Reise. Das eigentliche Abenteuer startete etwa eine Woche später.

Der Start ins Abenteuer

Romeo beginnt am 18. Juni damit auf Instagram zu posten. Er kündigt an, dass er seine Reise bald starten wird und testet bei dieser Gelegenheit, wie gut das Dokumentieren mit seinem Smartphone klappt und ob die Beiträge tatsächlich automatisch auf die Facebook-Seite übertragen werden.

Auf Justgiving.com schreibt er am 21. Juni, dass er seine Reise bald starten wird. Am 24. Juni postet Romeo auf Instagram, dass die Reise begonnen hat. Jetzt ist er endlich unterwegs, seine Seifenoper hat den Anfang hinter sich gelassen und geht jetzt in den Mittelteil über.

Die Reise nach London

Romeo ist insgesamt 108 Tage unterwegs. Seiner Dokumentation auf Instagram ist zu entnehmen, dass er sich fünf Tage in Rom aufhält und dass er in London eine 14-tägige Quarantäne absitzen muss, bevor er am 6. Oktober endlich seine Oma erreicht.

Ziehen wir die Ruhepausen ab, bleiben 89 Tage reine Wanderzeit. Insgesamt legte Romeo eine Strecke von 2.800 Kilometer zurück. Er musste im Durchschnitt 31,5 Kilometer täglich zurücklegen, um die Strecke im oben genannten Zeitraum zu schaffen.

Für einen 10-jährigen ist das eine mehr als sportliche Leistung.

Romeo verheimlicht nicht, dass er einige Male ein Fahrrad benutzt hat. Über einen Teil der Reise wurde er von einem Esel begleitet, der das Gepäck trug. Die Überquerung des Ärmelkanals erfolgte mit einer Fähre. Für die etwa 60 Kilometer lange Strecke von Canterbury nach London benutzte er den Linienbus.

Seine Reisegeschichte wurde durch diese kleinen Schwindeleien kein bisschen schlechter, weil das im Vorfeld definierte Ziel nicht eine sportliche Höchstleistung sondern der Besuch seiner Oma war.

Wie auf diesem Blog bereits erwähnt, musst du nur den Start und das Ende deiner Seifenoper im Vorfeld festlegen. Der Mittelteil entfaltet sich während der Reise von selbst. Er besteht aus den zahlreichen Ereignissen, die du erlebst und sieht bei jeder Reise anders aus.

Zahlen und Fakten

Auf Instagram sammelte Romeo in der Zeit zwischen dem 18. Juni und 6. Oktober 6.180 Follower. Seine Reisedokumentation besteht aus 155 Beiträgen. Leider kannte Socialblade sein Profil nichts, so dass ich nichts über die durchschnittliche Engagement-Rate sagen kann.

Auf Facebook brachte es Romeos Seite auf 2.180 Follower und 2.076 Likes. Hier war es offensichtlich dreimal so schwer sich eine Fanbase aufzubauen.

Auf Justgiving.com spendeten insgesamt 525 Menschen Geld. Romeo hat am Ende der Reise 97 % des Spendenziels erreicht, seine Kampagne ist mit dem Vermerk „Trending“ markiert. Weil er zur Zeit immer noch Interviews in italienischen und britischen Medien gibt und jetzt auch deutsche Medien wie Focus Online seine Geschichte entdecken, dürfte er noch eine Weile Aufmerksamkeit genießen. Die benötigt er, um die letzten drei Prozent des Spendenziels zu erreichen.

Justgiving verrechnet nur in britischen Pfund. In dieser Währung sammelte Romeo bis jetzt 17.460 GBP. In Euro umgerechnet macht das stolze 19.230 EUR.

Was du von Romeo lernen kannst

Damit hätten wir alle Fakten beisammen. Gibt es etwas, das du aus Romeos Reisegeschichte lernen kannst? Aber klar!

  • Mache dir nicht zu viele Gedanken über deine Geschichte. Lege zuerst nur das Ziel oder deine Mission fest.
  • Es macht überhaupt nichts, wenn der Grund für deine Reise nur ein Besuch bei Oma ist. Dramatik fügst du hinzu, indem du nicht den einfachsten, sondern den längsten oder abenteuerlichsten Weg wählst. Der kann sich, wie im Fall von Romeo, durch äußere Umstände ergeben. Er konnte nicht fliegen, also musste er laufen.
  • Mach dir keine Gedanken über den Mittelteil deiner Seifenoper. Der entsteht von selbst, wenn du einfach nur deine Reise dokumentierst. Halte alles fest, was dich fasziniert oder ängstigt. Zeige alle Freuden und Leiden, die du erlebst.
  • Wenn du postest, nenne immer wieder das Ziel und den Zweck deiner Reise, damit auch Quereinsteiger sofort wissen, worum es geht. Sammelst du Spenden oder willst du etwas verkaufen, solltest du das auch hin und wieder erwähnen. Aber bitte nicht zu häufig.
  • Benutze zum Dokumentieren etwas einfaches, das überall funktioniert. Für Instagram brauchst du nur ein Smartphone, das hast du ohnehin überall dabei.
  • Die Bilder für Instagram müssen nicht perfekt gestylt sein und auch nicht mit einer sündhaft teuren Kamera produziert werden. Romeos Bilder sind oft unter- oder überbelichtet, auf manchen ist die Hälfte seines Kopfes abgeschnitten. Und niemand beschwert sich darüber. Vergiss Perfektion! Was wirklich zählt, ist deine Persönlichkeit und dass du am Ende dein Ziel erreichst.
  • Bleibe ehrlich und authentisch. Stelle die Dinge nicht dramatischer dar als sie sind. Auf diese Weise vermeidest du Stress und ständigen Erfolgsdruck. Du musst nicht jeden Tag die Galaxis retten, um erfolgreich zu sein.
  • Wähle dein Ziel weise. Wenn du den Leuten versprichst innerhalb von drei Tagen nach Rom nach London zu laufen und nebenbei noch den Krebs zu besiegen, wird genau das von dir erwartet. Versprichst du nur, dass du am Ende der Geschichte deine Oma umarmen wirst, lebst du deutlich stressfreier.
  • Abgesehen von Hashtags auf Instagram verwendet Romeo keine Tools oder Techniken, um seine Beiträge für Suchmaschinen und Follower sichtbarer zu machen. Sehr wahrscheinlich weiß er gar nicht, was Suchmaschinenoptimierung (SEO), Growth-Hacking oder ein Bot ist. Vergiss die ganzen Internet-Gurus und ihre fragwürdigen Tipps.
  • Es ist nicht schwer, Geld mit einer Reise zu verdienen und dabei fast 20.000 Euro zu erwirtschaften. Sogar ein 10-jähriger Junge schafft das.
  • Auf Instagram kannst du deutlich schneller Follower sammeln als auf Facebook. Romeo sammelte dort im gleichen Zeitraum dreimal so viele (Insta: 6.000, Facebook: 2000)
  • Zum Einrichten aller Accounts vor der Reise würde ich einen Computer benutzen, weil es damit angenehmer geht. Während der Reise brauchst du nur ein Smartphone, um die Beiträge für Instagram zu erstellen. An den anderen Stellen erscheinen die automatisch, wenn du diese Funktion aktivierst.
  • Für die Dokumentation deiner Reise brauchst du nur Instagram. Facebook und Justgiving sind ebenfalls kostenlos nutzbar. Geld für Webhosting und einen Domain-Namen musst du nur ausgeben, wenn du deine Seifenoper auf einem Blog veröffentlichen willst.
  • Während seiner Reise hatte Romeo immer einen Pappkarton dabei, auf dem der Zweck, die Länge und das Ziel seiner Reise stand. Oft trug er ein selbstgemachtes T-Shirt, auf dem diese Informationen ebenfalls abgedruckt waren. Durch diesen Trick wurde er unterwegs häufig von Passanten und auch Journalisten angesprochen. Außerdem tauchte seine Botschaft damit automatisch in den Instagram-Posts auf, wenn er fotografiert wurde. Hätte er den Trick nicht gemacht, wäre er einfach nur ein Kind gewesen, das mit seinem Vater den Weg entlang spaziert.
  • Binde die Medien so früh wie möglich in dein Abenteuer ein, zum Beispiel die örtliche Tageszeitung. Erkläre dein Ziel, gib kurz vor dem Start der Reise ein Interview und sage den Journalisten, wo sie den Verlauf deiner Reise verfolgen können. Sie werden es garantiert tun, solange du dran bleibst und dein Ziel konsequent verfolgst. Hast du 80 Prozent der Reise bewältigt, kannst du dich bei der Zeitung in Erinnerung rufen und ihnen mitteilen, dass du kurz vor der Vollendung deiner Mission stehst.
  • Gib deiner Reise einen Sinn. Du kannst, wie Romeo, Spenden für Hilfsbedürftige sammeln, oder auch auf ein gesellschaftliches oder ökologisches Problem aufmerksam machen. Warum willst du nach England fahren? Was wirst du dort tun? Welchen Nutzwert hat deine Reise für andere Menschen? Denke über solche Fragen nach.
  • Genieße einfach deine Reise, dokumentiere was du siehst, was dich fasziniert und wovor du Angst hast. Mach auch mal Pause und lerne die hohe Kunst des Dolce Vita.

Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die du von Romeo lernen kannst.

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