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Wie moderne Kunst den Reichen dient

Vor kurzem habe ich auf NetflixInventing Anna gesehen, die Geschichte einer jungen Frau, die sich geschickt in die New Yorker High Society schmuggelt und zahlreiche Banker, Künstler und Investoren übers Ohr haut. Die exzessive Zurschaustellung von Mode, Kunst und Architektur – und das damit verbundene Ziel möglichst schnell und einfach Geld zu verdienen – brachte mich dazu über den heutigen Kunstmarkt nachzudenken. Und über die Frage, wie viele Annas hier herumlaufen.

Die Kunst als Goldesel

Um den ausgeflippten Kunstmarkt zu verstehen, müssen wir ein paar Jahre in der Zeit zurückreisen. Am besten in die Zeit der ganz großen Künstler, die Zeit der Renaissance. 

Viele der großen Meisterwerke, die wir heute im Louvre bewundern, wurden von Adeligen in Auftrag gegeben. Wie üblich erhielt der Künstler nur ein paar Taler für seine Arbeit. Große Kasse machten immer nur die Kunsthändler.

Ein perfektes Beispiel für so einen Händler ist Joseph Duveen. Er kaufte Anfang des 20. Jahrhunderts dem verarmten und zahlungsunfähigen Adel die Gemälde der Renaissance-Künstler für ein Butterbrot und ein Ei ab und verkaufte sie anschließend zu exorbitanten Preisen an wohlhabende Industrielle in Amerika. “Europa hat viel Kunst, und Amerika hat viel Geld”, erklärte Duveen sein Geschäft.

Vom Taxifahrer zum Millionär

Bleiben wir auf dem amerikanischen Kontinent. Dort spielte sich in den späten 1950er und 1960er Jahren eine verrückte Geschichte ab, die einen Taxifahrer in die höchsten Kreise der New Yorker Kunstszene katapultierte.

Robert Scull, ein Schulabbrecher aus der Bronx, der zusammen mit seinem Bruder ein Taxiunternehmen führte, hatte ein gutes Gespür für neue, lukrative Geschäfte. Er wusste, dass er als anerkannter Kurator moderner Kunstwerke in den höchsten Rängen des New Yorker Jet-Sets mehr verdienen konnte als mit Taxifahrten.

Zu dieser Zeit entwickelte sich gerade der abstrakte Expressionismus, auch Pop-Art und Minimalismus brachten die ersten aufstrebenden Künstler hervor. Ein perfekter, noch unverbrauchter Markt für die Scull-Brothers.

Menschen wie Andy Warhol, die wir heute natürlich alle kennen, verscherbelten ihre Werke für ein paar Dollar an die kunstinteressierten Taxifahrer, in der Hoffnung so einen Fuß in die Kunstwelt zu bekommen. Die kunstinteressierten Taxifahrer reichten seine Werke an die High Society weiter – zu Preisen ab 10.000 US-Dollar aufwärts.

Ein Gemälde von Cy Twombly, das die Taxifahrer für 750 Dollar erworben hatten, erzielte einen Preis von 40.000 Dollar. Jasper Johns’ Double White Map, 1965 für rund 10.000 Dollar eingekauft, wurde für 240.000 Dollar  weiterverkauft.

Wie schafft man so etwas? Durch Aufmerksamkeit in den Medien! Zahlreiche Journalisten und Fernsehteams wurden zu einer Auktion am 18. Oktober 1973 eingeladen, wo die beiden Taxifahrer 50 Werke aus ihrer Sammlung versteigerten und insgesamt einen Erlös von 2,2 Millionen US-Dollar erzielten. Für zeitgenössische, damals noch weitgehend unbekannte Kunst war das eine irrsinnige Summe.

Die Preise explodieren

Aus heutiger Sicht wirken die damaligen Rekordpreise lächerlich. Im November 2013 erzielte die Abendauktion für Nachkriegskunst und zeitgenössische Kunst bei Christie’s einen Gesamterlös von 691,6 Millionen Dollar und stellte damit einen neuen Rekord für das teuerste Werk eines lebenden Künstlers auf – 58,4 Millionen Dollar für Jeff Koons’ Skulptur Balloon Dog. Bei einer weiteren Versteigerung zeitgenössischer Kunst im November 2014 wurden an einem einzigen Abend 852,9 Millionen Dollar erzielt.

“Ballon Dog” von Jeff Koon, ausgestellt im Schloss Versailles. Bildquelle: publicdelivery.org

Wer sich der modernen Kunst verschreibt, darf die Moderne nicht links liegen lassen. Kein Wunder also, dass Christie’s auch mit den top-aktuellen NFTs Kasse macht. Am 11. März 2021 erzielte das Bild “Everydays” von Mike Winklemann – besser bekannt unter seinem Pseudonym “Beeple” – 69,3 Millionen US-Dollar.

Das teuerste Werk, das jemals bei Christie’s verkauft wurde, erzielte sagenhafte 450 Millionen US-Dollar. Es handelte sich dabei um ein wiederentdecktes Gemälde, das Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. 

Die Globalisierung des Kunsthandels

Trotz der irren Summen, die bei Kunstversteigerungen erzielt wurden, war der Handel mit Skulpturen und Bildern lange Zeit ein Nischengeschäft, das überwiegend in den Vereinigten Staaten und Westeuropa angesiedelt war.

Dank weltweiter Vernetzung sehen wir heute eine globale Kunstindustrie, die von Luxus, Mode und Berühmtheit geprägt ist und eine immer größere Anzahl von sehr wohlhabenden Käufern anzieht, die aggressiv ihre Sammlungen mit Werken von bekannten zeitgenössischen Künstlern, die als Marke gelten, erweitern.

Genau wie Yachten und Privatjets wurden Kunstwerke zu Statussymbolen, mit denen sich der Milliardär von heute gerner brüstet. Der Sänger Justin Bieber kaufte sich vor einiger Zeit zwei NFTs aus der Serie “Bored Ape Yacht Club”, eines für 1,3 Millionen US-Dollar, das andere für schlappe 470.000 USD. Noch höhere Preise zahlen die russischen Oligarchen sowie die neuen Multimilliardäre aus China und Indien. 

Für diesen Affen, genannt “ape #3850” zahlte Justin Bieber fast eine halbe Million US-Dollar. Bildquelle: cdn.shortpixel.ai

Der Fall des Kommunismus in Osteuropa und die wirtschaftliche Liberalisierung in Ländern wie China und Indien brachten diese neue Welle von Milliardären hervor, die ihren Reichtum zur Schau stellen wollen. In China wurde die Nachfrage auch durch einen von der Regierung geförderten Museumsbau-Boom angekurbelt. In den letzten zehn Jahren wurden über 1000 neue Museen eröffnet, eine Kombination aus staatlichen und privaten Einrichtungen. 2017 gab es dort etwa 200 Museen in Privatbesitz, die sich der zeitgenössischen Kunst widmeten. Der Bau von Privatmuseen ist nicht nur ein Statussymbol für die Elite des Landes, sondern auch ein Mittel, um die staatliche Genehmigung für lukrative Immobiliengeschäfte zu erhalten.

Für die sehr wohlhabenden Menschen von heute gehört es zur Pflicht, sich für Kunst zu interessieren.

Immer mehr, immer schneller, immer teurer

Heute wird mehr Kunst produziert und verkauft als je zuvor. Künstler, Galerien und Auktionshäuser versuchen verzweifelt mit der immer höheren Nachfrage aus Millionärs-Kreisen Schritt zu halten, die von der Verlockung des Profits und des Prestiges angezogen werden.

In der Vergangenheit war der Verkauf zeitgenössischer Kunst den Galerien und privaten Händlern vorbehalten. Werke lebender Künstler wurden nur selten versteigert. Doch die großen Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s erkannten, dass die Förderung des Marktes für zeitgenössische Kunst enorme neue Einnahmequellen erschließen konnte. Sie begannen, mehr wie Luxusmarken zu funktionieren. Christie’s wurde 1998 von François Pinault gekauft, dem Eigentümer des europäischen Luxuskonzerns Kering, zu dessen Marken Gucci, Saint Laurent und Balenciaga gehören. Die Auktionshäuser begannen nicht nur einen nicht endenden Strom an Kunstwerken zu fördern, sie unterstützen heute auch einen Jet-Set-Lebensstil mit millionenschweren Auktionen, exklusiven Galerie-Dinners und VIP-Vernissagen auf Kunstmessen.

Hinzu kamen Finanzdienstleistungen für den erlauchten Kundenkreis, die es ihm ermöglichen, den Wert der eigenen Sammlungen zu beleihen oder Werke mit einer Garantie Dritter zu verkaufen. Das Resultat ist, dass die Preise für zeitgenössische Kunst immer weiter gestiegen sind, was wiederum neue Käufer anlockt, von denen viele allein durch das Geld angezogen werden.

Wo viel Geld ist, kommen die Gangster…

Aus Sicht des Künstlers gibt es an dieser Entwicklung vieles zu kritisieren. 

Die Künstler werden dazu gezwungen dem Markt gerecht zu werden und produzieren demzufolge nur noch Werke, die verkauft werden können. Das führt nicht zu einem Verlust an Qualität und Vielseitigkeit. Der Kunstmarkt wird immer eintöniger und langweiliger. Was geschieht mit der Kunst als öffentliches Gut, wenn ihr Wert in erster Linie in Euro gemessen wird?

Und das ist nicht das einzige Problem. In ihrem Buch “Dark Side of the Boom: The Excesses of the Art Market in the Twenty-First Century” beschreibt die Autorin Georgina Adam wie Kunstwerke als Vehikel zum Verstecken oder Waschen von Geld genutzt werden. Der notorisch verschwiegene Kunstbetrieb, in Verbindung mit einer laxen behördlichen Aufsicht, ermöglicht es, dass riesige Geldsummen ohne öffentliche Kontrolle den Besitzer wechseln.

In den meisten Fällen geschieht das völlig legal. Kunstsammler und ihre Beauftragten finden immer wieder kreative Wege, um das Zahlen von Steuern zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Dazu gehören die Gründung privater Museen und Stiftungen, die Lagerung von Kunstwerken in Offshore-Freihäfen, wo sie ohne Zollgebühren oder Mehrwertsteuer ausgetauscht werden können, und Schlupflöcher im Steuergesetzbuch wie der Austausch von “gleichartigen Gegenständen”. 

Ursprünglich in den 1920er Jahren eingeführt, um Landwirten zu helfen, indem sie die Steuern auf den Handel mit Vieh aufschieben konnten, wird der “Austausch gleichartiger Gegenstände” heute regelmäßig von Kunstsammlern in Anspruch genommen, um die Zahlung von Steuern auf den Verkauf von Kunstwerken zu vermeiden: Solange ein Sammler den Erlös aus dem Verkauf eines Werks innerhalb von 180 Tagen für den Kauf eines anderen verwendet, kann die Steuerpflicht auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden.

Es ist kein Zufall, dass zu den prominentesten Kunstsammlern der Welt Menschen wie Poju Zabludowicz zählen, der sein Familienvermögen mit zum Teil illegalem Waffenhandel aufgebaut hat. Oder Daniel Och, dessen Firma in mehreren afrikanischen Ländern Millionen von Dollar an Bestechungsgeldern an Regierungsbeamte im Austausch für Schürfrechte gezahlt hat. 

Gewiss möchten die beiden der Nachwelt lieber als Kunstmäzene mit Geschmack und Stil  in Erinnerung bleiben, als dafür, dass sie aus menschlichem Elend Profit geschlagen haben.

Wohin soll das noch führen?

Was die Folgen dieser extremen Entwicklung und Verteuerung des Kunstmarktes sind, kann niemand vorhersagen. Nach Ansicht des Soziologen Olav Velthuis profitiert der Kunstmarkt von der ungleichen Verteilung des Reichtums. Neue Milliardäre kündigen ihre Ankunft im Etablissement immer häufiger durch den Kauf aktueller Kunstwerke an.

Der Kunstmarkt zeigt die Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und auch die schwindelerregende Konzentration von Reichtum in den Händen einiger weniger. Während ganze Länder Hunger und Not leiden, geben Mr. und Mrs. Jet-Set mal schnell 5 Millionen Euro für ein modernes Kunstwerk aus – auch wenn es sich um einen nur in der digitalen Welt existierenden, gelangweilt dreinblickenden NFT-Affen aus dem Yachtclub handelt.

Auch während der letzten Finanzkrisen und auch während der Corona-Pandemie gingen die Aktivitäten in den oberen Bereichen des Kunstmarkts unvermindert weiter. Es wurde kein einziges Bild und kein einziges NFT weniger verkauft und die Preise für die Werke klettern immer weiter nach oben.

Zahlreiche Akteure in der Kunstwelt, darunter Kunstvermittler, Händler, Kunstberater, Investmentfonds und die Auktionshäuser kennen die Geheimnisse der außergewöhnlich Reichen und Schönen. Aber für die meisten von uns bleibt der gehobene Kunstmarkt ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln. Diskretion ist im Milliardärs-Club Ehrensache…

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